Großstadt ohne Großstadt-Probleme

Chrizz Böhning ist in Paderborn seit Dekaden an vielen Fronten aktiv. Neben seiner Leidenschaft als Plattensammler und DJ greift der gebürtige Bremer auch immer wieder zur Kamera. Bei Fachebook stolperte unser Autor Hippe über seine jüngsten Fotos: Stadtansichten Paderborns in schwarz-weiß, klare Kante, verlassene Straßen, bekannte Orte aus unbekannter Perspektive. Nach kurzem Texten hat Chrizz sich bereit erklärt, uns ein Interview zu geben, in dem er sich auch kritisch mit seiner Wahlheimat Paderborn auseinandersetzt. 

Text: Hippe

Zur Person: Christian „Chrizz“ Böhning ist Jahrgang 1960 und hat seit Mitte der 80er Jahre seinen Lebensmittelpunkt in Paderborn. Als ambitionierter Plattensammler, Mitinitiator kleiner Musikprojekte, DJ und Hobbyfotograf hat er seine eigenen Sichtweisen auf diese Stadt. 

Hallo Christian, in deinen fotografischen Arbeiten, die du in sozialen Netzwerken teilst, setzt du dich immer wieder intensiv mit Paderborn auseinander. Erzähl uns etwas über dich und deine Verbindung zur Stadt. 

Ich bin 1984 wegen meines ersten Arbeitsplatzes (natürlich „damals“ bei Nixdorf) nach Paderborn gekommen. Ich gebe zu, dass ich im ersten Jahr heftig mit Paderborn gefremdelt habe und auch daran dachte, wieder in meine Heimstadt Bremen zurückzugehen. Mir fehlte die hanseatische Gelassenheit und vor allen Dingen die (sub-)kulturellen Angebote, wie ich sie kannte.

Aber ich wurde dann hier doch sesshaft, unter anderem weil meine Kinder hier geboren wurden und ich gewisse Dinge an Paderborn auch schätzen gelernt habe. Ich nenne das hier immer „Großstadt ohne Großstadt-Probleme“. Paderborn ist eben kein Dorf und man kann, wenn man ein wenig sucht, auch kulturelle Angebote finden oder vielleicht sogar selber erzeugen. Auf der anderen Seite ist Paderborn überschaubar, nach einer Weile kennt man sich untereinander und es lässt sich relativ preiswert (z.B. was die Mieten angeht) und auch gut hier leben.

Aber ich bin nach wie vor etwas zwiegespalten, wenn es um Paderborn geht: Auf der einen Seite ist das (sub-)kulturelle Angebot eher überschaubar, es gibt viel zu wenig Konzerte für meinen Geschmack, dafür findet vieles x-Mal genau gleich statt (siehe z.B. das Angebot von Clubs wie dem Resi oder Capitol). Es wird eben viel auf Mainstream gesetzt und ich habe den Eindruck gewonnen, dass man da auch auf verschiedenen Ebenen (Betreiber, Politik) nicht so gerne  Experimente machen will.
Auf der anderen Seite kann man relativ leicht Dinge in Paderborn in Gang setzen, wenn man möchte. 

 

Lass uns über deine Kunst reden: Deine jüngsten Fotos wirken wie ein Kommentar zum aktuellen Zeitgeschehen. Man sieht bekannte Szenekneipen wie Willie’s Heartbreak Hotel oder das Sputnik mit heruntergelassenen Rollläden in schwarz-weiß. Auch die Häuserfronten und Fußgängerbrücken rund um die Zentralstation erzeugen den Eindruck einer verlassenen Stadt. War das der Gedanke dahinter oder hatte die aktuelle Situation rund um Corona nichts damit zu tun?

Ja und Nein. Meine Idee war ursprünglich mal mit einer Festbrennweite sehr reduzierte Fotos zu machen – deshalb auch schwarz-weiß. Aber mich reizen auch immer besondere Zustände und Ausnahmesituationen in meiner Stadt. Deshalb habe ich auch ein kleines Fotoprojekt gemacht, in dem der Abriss der Königsplätze festgehalten wird. Ich finde es interessant, eine Stadt im Wandel zu zeigen – das können dann sowohl bauliche Dinge, Veränderungen in der Bevölkerungsstruktur oder wie jetzt pandemiebedingte Blickwinkel sein, die sonst anders aussehen würden.  

“Ich finde, es tut sich in PB eine Menge, weil Vereine wie z.B. „Cheeze“ die Fotografie fördern oder auch musikalische Projekte immer wieder neu entstehen (Tausendquell z.B.). “

Schon der Titel der Sammlung „Paderborn 1,8/55“ deutet darauf hin, dass du mit einer bestimmten Kameratechnik gearbeitet hast. Kannst du für Laien erklären, was das Besondere daran ist und wie Technik und Bildwirkung zusammenhängen?

Ich fotografiere seit meinem zwölften Lebensjahr – dieses Medium hat mich immer schon sehr gereizt. Auf Grund meines Alters kann ich die enormen Veränderungen, die die Fotografie genommen hat, gut erkennen. Als ich angefangen habe zu fotografieren, musste man quasi alles manuell an der Kamera einstellen, Filmmaterial und Entwicklung waren teuer und es gab „nur“ analoge Fotografie. Da musste man mit viel Überlegung zu Werke gehen.
Mittlerweile ist eigentlich unser ganzes Leben Foto und Video. Durch die ständige und quasi kostenlose Verfügbarkeit des Festhaltens von Bildern mit unseren Smartphones haben wir es mit einer enormen Bilderflut zu tun. Gleichzeitig hat die Technik auch bei „ambitionierten“ Kameras das Fotografieren enorm erleichtert. So nehme ich selbst immer gerne ein Zoom-Objektiv mit, dass es mir ermöglicht, einen Bildausschnitt zu bestimmen und auch ein Detail „heranzuholen“, ohne, dass ich meinen Standort verändern muss.

Bei einer Festbrennweite ist das anders. Ich muss mich, wenn ich einen bestimmten Bildausschnitt haben möchte, bewegen. Das erfordert genaues Hinsehen und Überlegen, aus welcher Position und mit welchem Blickwinkel ich das Foto machen möchte. Gleichzeitig ist die Festbrennweite mit der ich fotografiere mit hochwertigen Linsen ausgestattet, die eine sehr scharfe Abbildung ermöglichen.
Die Lichtstärke von 1,8 ist relativ hoch und führt – bei entsprechender Auswahl von Blende und Belichtungszeit – zu einer hohen Schärfe dort, wo ich den Fokus hinlege, während der Rest des Bildes eher unscharf wird. Dadurch lassen sich Objekte quasi aus ihrer Umgebung herausschneiden.
Die 55mm Brennweite zeigt im Gegensatz zum menschlichen Auge (ca. 20mm) einen eingeschränkten Bildausschnitt. Das bedeutet, dass ich mich von dem Objekt entfernen muss, wenn ich es durch die Kamera so sehen will wie mit dem Auge. Da hat mich gereizt und herausgefordert, deshalb dieser Ansatz bei der Fotoserie.  

 

Hast du Vorbilder in Sachen Fotografie? Die geisterhaften Stadtkulissen ohne menschliche Beteiligung erinnern mich spontan an frühere Arbeiten von Thomas Struth. 

Ach, ich könnte da jetzt niemand Spezielles nennen. Ich schaue mir immer gerne Fotoausstellungen an (leider viel zu selten – ein „Projekt“, das ich mir aber für die nahe Zukunft auf die Fahne geschrieben habe), aber ich habe bisher noch nicht bewusst versucht, mich da an Vorbildern zu orientieren. Aber ich habe eine Vorliebe für Architektur, Linien und Formen, Spiegelungen und ungewöhnliche Perspektiven.  

Ich muss an der Stelle sagen, dass die Fotografie bei mir ein Thema ist, das in „Wellenform“ passiert. Im Gegensatz zur Musik, bei der ich gezielt sammel und Vinyl auflege, greife ich nur ab und an zur Kamera. Es kann durchaus passieren, dass der Fotoapparat auch mal ein halbes Jahr ungenutzt im Schrank liegt. Da würde ich gerne viel mehr machen, aber aktuell hat der Tag dafür für mich einfach zu wenige Stunden. Aber das kann sich ändern und das hoffe ich auch. 

“Es gibt immer wieder Ideen, die in meinem Kopf herumspuken. Aber ich bin natürlich weder in Sachen Fotografie oder Musik ein „Profi“, sondern betreibe das als ambitioniertes Hobby.”

Du bist u.a. auch DJ mit besonderem Fokus auf Vinyl. Siehst du eine Verbindung zwischen musikalischer Sozialisation, deiner Tätigkeit als DJ und deinen Fotografien?

Als Verbindung würde ich da sehen, dass ich gerne „technisch kreativ“ bin. Da ich wenig Talent zur Malerei oder ähnlichem habe und auch kein Instrument wirklich spielen kann, war es für mich schon in der Jugend naheliegend, das Interesse an Bildern und Musik eben auf Basis von Fotografie und Vinyl auszuleben. Das ist bis heute so geblieben und ich kann mich mit beiden Medien auf eine gewisse Weise ausdrücken. Das Sammeln von Schallplatten, incl. der Beschäftigung mit den zugehörigen Künstlern, Labeln, der Covergestaltung (Brücke zum Thema „Bild“) und den Geschichten hinter der Musik ist eine Leidenschaft von mir. Und dann auf Basis des vorhandenen Vinyls ein Set zusammenzustellen – das ist für mich eine absolut kreative Tätigkeit. Ich würde aber sagen, dass ich in erster Linie Sammler und erst in zweiter Linie DJ bin.
Seit letztem Jahr habe ich, neben dem Auflegen und Erstellen von Mixen, noch eine andere Ausdrucksform für mich gefunden. Mit meinen musikalischen Buddy Roberto habe ich eine monatliche Musiksendung, die live jeweils am letzten Freitag im Monat unter dem Titel „Turntable Sprezzatura“ auf hearthis.at läuft. Da wird ausschließlich Vinyl aufgelegt – das heißt, wir spielen uns gegenseitig vor, was uns gerade in die Hände gefallen ist und plaudern über Hinter- und Vordergründe der Musik. Das macht extrem viel Spaß und wir haben uns da mittlerweile eine kleine Fangemeinde aufbauen können.

Hast du Pläne für weiterführende Projekte oder gibt es ggf. Ideen für Ausstellungen?

Es gibt immer wieder Ideen, die in meinem Kopf herumspuken. Aber ich bin natürlich weder in Sachen Fotografie oder Musik ein „Profi“, sondern betreibe das als ambitioniertes Hobby. Der Beruf lässt mir aktuell auch noch nicht die Zeit, mich damit so zu beschäftigen, wie ich es gerne würde. Aber da wird sich der Status für mich in absehbarer Zeit altersbedingt ändern und wer weiß, was sich dann alles ergibt. 

Aktuell bin ich erstmal auf der Suche nach einer besseren Möglichkeit, meine Fotos abzulegen beziehungsweise öffentlich zur Ansicht zu bringen. Ich habe vor etlicher Zeit damit bei flickr angefangen, will da aber schon länger weg. 

Gibt es noch andere Dinge, die du in Paderborn realisieren konntest oder die dir am Herzen liegen?

Ich finde, es tut sich in PB eine Menge, weil Vereine wie z.B. „Cheeze“ die Fotografie fördern oder auch musikalische Projekte immer wieder neu entstehen (Tausendquell z.B.). Und auch ich konnte mich in Sachen Musik, Vinyl und Auflegen in den letzten Jahren in Paderborn immer ganz gut selbst verwirklichen. Vielleicht dazu zwei Beispiele von Projekten, die ich auch nach der Pandemie gerne weiterführen möchte:

Seit 2014 habe ich mit drei Freunden die Partyreihe „Therapeutisches Tanzen“ in der Kulturwerkstatt am Start. Bei dieser vielleicht als „alternativ-non-mainstream“ zu bezeichnenden Party wird gespielt, was uns gefällt, solange es in irgendeiner Form tanzbar ist. Der Musikmix ist wild und geht kreuz & quer durch Punk, Indie, Soul, Funk und Exotica aus aller Welt. Wir haben da 2014 mit 80 Gästen angefangen und sind mittlerweile bei über 400 angekommen (und dann kam Corona). Auch so eine Sache, die man in Paderborn, wenn man etwas Mut und Begeisterung mitbringt, gut verwirklichen kann.
An dieser Stelle ein Hoch auf die Kulturwerkstatt, ohne die so etwas schwer möglich wäre – und auf das Sputnik, wo ich diese tollen Leute kennen gelernt habe. Diese Kneipe ist nach wie vor ein Kristallisationspunkt, der Menschen zusammenbringt, die gemeinsam gute Ideen aushecken und damit das kulturelle Leben der Stadt etwas bereichern. 

Ein zweites Ding findet – hoffentlich bald mal wieder – im Wohlsein statt. Da können mein Roberto und ich unsere Begeisterung für Afroamerikanische Musik der 60s/70s (Soul, Funk, RAW R&B) ausleben. Der „Central Station Soul Club“ (benannt nach der ehemaligen Busstation) bedient dabei eine absolute Subkultur-Nische: den „Soul-Nighter“, der in UK zum Beispiel auch heute noch weit verbreitet kultiviert wird. Also auch solche Dinge sind in Paderborn möglich – aber auch nur, weil es Läden wie das Wohlsein gibt, das man an dieser Stelle unbedingt erwähnen muss. Das Team dort ist offen für ein breites Programm und immer für unterschiedliche Konzepte zu haben. Ich finde, das brauchen wir noch viel mehr in dieser Stadt. 

Übrigens

Alle Informationen zu Christian und seinen Projekten findet ihr hier: 

Eine kleine Übersicht von Christians Bildern