Rowdys mit Hang zum Umweltschutz

Mit „Roter Stern Riemeke“ gibt es eine neue Gang in der Stadt – und die fährt Fahrrad. Unser Autor Hippe hat sich mit Tim, Picko und Stefan auf ein Bier getroffen. Alle drei sehen sich nicht als repräsentativ an und erklären vor allem, worum es beim RSR nicht geht: Vereinsstrukturen. 

 

Text: Hippe

Seit einiger Zeit kann die aufmerksame Paderborner*In überall RSR-Aufkleber sehen – erzählt uns doch bitte, was es mit dem „Roten Stern Riemeke“ auf sich hat. 

Tim: Das ist eine etwas komplexere Sache, es ist zwar ursprünglich daraus entstanden, aber es geht nicht nur ums Fahrradfahren. Der Name ist eine Anlehnung an einen Hobby-Fußballverein, den es hier mal gab. Den fanden wir witzig. 

Aber wie schwierig das zu beantworten ist, zeigt sich daran, dass auch innerhalb unserer Gruppe neulich die Frage aufkam, was das alles eigentlich soll (lacht). Eigentlich ist die Idee für RSR bei einem Suffabend im Schrebergarten entstanden. Es geht vorrangig darum, dass Leute Bock haben, etwas zusammen zu machen. Bei den ersten Überlegungen ging es dann um einen Motorradclub. Da sind wir dann aber schnell drauf gekommen, dass das dämlich ist und dass Mofas eigentlich viel rowdyhafter sind. Dann haben gemerkt, dass wir im Schnitt zu arm für Mofas sind, und dann sind wir auf Fahrräder umgestiegen. Aber das ist eigentlich nur die äußere Hülle. Vordergründig geht es darum, gemeinsamen Interessen nachzugehen – gerade in Corona-Zeiten. Picko, du warst zum Beispiel noch bei gar keiner Ausfahrt mit den Rädern dabei, oder?

Picko: Nein.

Tim: Guck an, ich bisher auch nur bei einer. Wir sind viele Leute mit unterschiedlichen Interessen, das Fahrradfahren ist dann eher der „Deckmantel“, unter dem das alles stattfindet. Wobei der Gedanke, im Sommer mit 20 Leuten mit Kutte auf dem Fahrrad durch die Gegend zu fahren, die Boxen gleichgeschaltet zu haben und laut Punkrock zu hören, mir schon sehr gut gefällt. Aber das ist eben nicht alles. Wir haben es mal auf das Motto „Meter machen“ zusammengefasst – und das ist dann eben sehr weit zu interpretieren. Wir wollen vorankommen, ganz egal wobei, uns gegenseitig unterstützen. Gerade in Corona-Zeiten ist es schwer, neue Leute kennen zu lernen. Picko und ich kannten uns beispielsweise vorher gar nicht und treffen uns heute zum ersten Mal. Es geht darum, Leute zusammenzubringen.

Der Community-Gedanke ist also wichtiger als das Fahrradfahren an sich?

Picko: Das war mein Eindruck, als ich eingestiegen bin. Viele Leute aus diesem Kreis kannte ich vorher schon, zum Beispiel vom Musikmachen, viele aber auch nicht. Und die Gemeinschaft steht hier schon im Mittelpunkt. Als es mir eine Woche lang nicht gut ging, habe ich zum Beispiel gefragt, ob wir ein Face-Time-Treffen machen wollen, und da waren sofort alle dabei. Dann haben wir da ein paar Bier getrunken und das bis in die Morgenstunden. Man versauert dann eben nicht alleine zu Hause, sondern hat direkt wen an der Seite. 

Tim: Vor dem Hintergrund ist das Fahrrad dann schon wieder wichtig, denn egal, was für Maßnahmen noch kommen werden, du wirst immer wen finden, der zumindest mit aufs Rad steigt. Das wird auch noch möglich sein, wenn man sich nicht mehr gegenseitig zu Hause besuchen darf. 

Auf eurer Insta-Seite liest man die Schlagwörter „Fahrradbande, Corner Gang, Thekensport“. Da denkt man ans Ruhrgebiet, an Schrebergärten 1982 – das wirkt etwas anachronistisch, aber zeitgleich ist Fahrradfahren auch sehr modern. Zu Beginn der Pandemie waren alle Fahrradläden leergekauft, der Klimawandel pusht diese Art der Mobilität zusätzlich. Macht diese Dualität für euch auch den Reiz des RSR aus?

Stefan: Ja. Ich finde es ganz geil, dass wir eine „rowdyhafte“ Fahrradgang sein wollen, aber gleichzeitig zum Beispiel auch die Umwelt schützen. Das ist für uns selbstverständlich. Da haben wir zwar nie so explizit drüber gesprochen, aber das haben wohl alle schon so verstanden. 

Ich gehe davon aus, dass ihr kein klassischer Männerbund sein wollt?

Tim: Nein auf keinen Fall, aber wir haben tatsächlich bisher nur wenige Frauen dabei. Das hat sich bisher so ergeben. Einig sind aufgrund der Flut an Nachrichten in unserer Whatsappgruppe schon wieder gegangen. Aber natürlich sind bei uns alle Geschlechter willkommen. 

“Ja ich finde es ganz geil, dass wir eine “rowdyhafte” Fahrradgang sein wollen, aber gleichzeitig zum Beispiel auch die Umwelt schützen.”

Woher kommt der Bezug zum Riemekeviertel? Ist der nur wegen der Alliteration im Namen gewählt worden? 

Stefan: Die Grundidee ist bei Annika im Schrebergarten entstanden – und der ist im Riemeke. 

Tim: Viele wohnen auch da. Wir haben so getan, als hätte es eine basisdemokratische Abstimmung gegeben, und da dort unsere Vereinshütte steht – auch wenn wir kein Verein sind – ist es eben Roter Stern Riemeke. Zusätzlich – da kann ich jetzt aber nur für mich sprechen – ist das Riemeke das einzige Viertel Paderborns, was den Schein einer Studentenstadt wahrt. Wenn man durch die Ferdinandstraße geht, hat man vielleicht zumindest das Gefühl, dass man in einer kleinen Seitenstraße in Hamburg sein könnte. 

Du hast vorhin schon angesprochen, dass die demokratische Abstimmung nur Schein war. Gibt es bei euch überhaupt eine Organisation oder eine Hierarchie? 

Tim: Nein, bisher hat sich die beste Idee immer durchgesetzt – die regiert im Zweifel.

Habt ihr euch denn überhaupt schon mal gestritten über irgendetwas? 

Picko: Ja, es wird sehr viel diskutiert über alle möglichen Themen – was ich auch sehr gut finde.

Aber wer entscheidet dann, was die beste Idee ist? Derjenige, der den Insta-Kanal betreut?

Tim: Nein, tatsächlich läuft darüber ja auch gar nicht viel, da gibt es nur ein paar Bilder. Ich glaube, dass durch die Corona-Pandemie wirklich wichtige Entscheidungen bisher noch nicht getroffen werden mussten. Bisher gibt es eher persönliche Diskussionen zu politischen Fragen oder aber zwei Leute streiten sich darüber, welches Album von Band XY besser ist. 

Stefan: Das sind ja aber keine wirklichen Entscheidungen. Die einzige Situation, wo bisher eine Entscheidung getroffen werden musste, ist, welches Logo gewählt wurde. Alle, die Bock hatten, haben dann an der Entscheidung teilgenommen. Aber das war sehr unkompliziert, man musste sich einfach in der Whatsappgruppe bis zu einem gewissen Termin äußern. 

Kann es denn sein, dass sich die Lockerheit, mit der ihr derzeit organisiert seid, nach Corona verändern wird? Muss nicht irgendwann zwangsläufig mehr Struktur rein, wenn mehr Aktionen gestartet werden?

Stefan: Da haben wir auch schon mal im kleinen Kreis drüber geredet und dann kamen wir auf den Gedanken, dass die Struktur des RSR sich vielleicht eher aus der Rückschau auf schon Erlebtes ergibt und weniger etwas vorgeben soll. Ich kann mir auch eigentlich nicht vorstellen, dass es RSR-Veranstaltungen geben wird.

Tim: Bisher haben sich unsere Überlegungen in dieser Hinsicht eher darauf beschränkt, zum Beispiel eine RSR-Party in der AKKA zu organisieren. Aber dafür muss es ja keine großartigen Strukturen geben. Die Leute, die Bock drauf haben, das zu organisieren, werden das auch organisieren und wenn es zu wenige gibt, die mitmachen wollen, wird es halt nicht stattfinden. 

“Es gibt hier ein Konzert und wir tauchen alle in Kutte auf. Das wäre ein schönes Bild.”

Was wäre denn, wenn jemand im Namen des RSR etwas organisieren möchte, was die meisten Mitglieder nicht mittragen? Oder anders gefragt: Jede(r) darf theoretisch bei euch mitmachen. Was wäre, wenn ein AFD-Mitglied mit euch Fahrradfahren möchte?

Tim: Das kann er knicken. Mit platten Reifen fährt es sich schlecht. Das ist aber auch der Extremfall. Um auf die erste Frage zurückzukommen: Wenn so etwas stattfinden sollte, wie die RSR-Party, dann ist das Interesse ja nur, dass alle mal zusammenkommen, wir Bier zusammentrinken und die RSR-Playlist in laut läuft. Sollte eine einzelne Person etwas vorhaben, unter der Flagge des RSR, was niemand anderes mitträgt, dann kann sie dabei auch die Kutte tragen, eine RSR-Veranstaltung wird das dann nicht sein – und das merkt man dann ja auch. 

Stefan: Wir verstehen uns wie einen erweiterten Freundeskreis – da tauchen bestimmte Personen automatisch nicht auf. 

Was ihr in der Zukunft vorhabt, könnt ihr gemäß dem, was ihr vorhin beschrieben habt, wahrscheinlich noch gar nicht sagen – oder?

Tim: Worauf wir Bock haben, das wird gemacht. Schönes Szenario zum Beispiel: Es gibt hier ein Konzert und wir tauchen alle in Kutte auf. Das wäre schon ein schönes Bild. 

Ok, wechseln wir das Themengebiet: Wärt ihr in einem Jugendroman eher diejenigen, die sich für das Gesetz einsetzen, oder eher die Outlaws?

Stefan: Wir sind die, die sich für das Gesetz einsetzen, aber aussehen wie die Outlaws.

Mountainbike oder Bonanzarad?

Tim und Picko: Bonanzarad!

Stefan: Schwer zu sagen. Beides nicht. 

Sons of Anarchy oder Vorstadtkrokodile?

Tim: Bei SOA gibt es einen Typen mit einem so großen Schnäuzer, dass ich es mir nicht angucken kann. Ich sehe da nur Schnäuzer. Deswegen Vorstadtkrokodile. 

Picko: Die Biker in der Serie verlieren zwar immer, lassen aber die harten Kerle raushängen. Das passt nicht zusammen. 

Dose oder Flasche?

Alle: Flasche!

Danke für das Interview und viel Erfolg dabei, Vereinsstrukturen zu vermeiden!

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Übrigens

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