SLOPE

Eine der am heißesten erwarteten Platten des Jahres kommt aus Duisburg: SLOPE liefern nach ihren zwei gefeierten EPs endlich ein amtliches Full-Length namens „Street Heat“ ab, das ab dem 12. März zu haben sein wird. Falls man noch eine abbekommt: Die ersten Pressungen sind schon lange ausverkauft.

Wir sind mit SLOPE-Gitarrist Jizzy zum Interview verabredet. Spontan entscheiden wir uns für ein Zoom-Meeting, zu dem Jizzy auch mit bester Laune und stabiler Internetverbindung erscheint. Ein Gespräch über das kommende Album, die Anziehungskraft der 90er und die beste Platte der Red Hot Chili Peppers. 

Text: Nico

Jizzy, vielen Dank, dass du dir Zeit für uns nimmst. Ihr seid ja im Moment sehr gefragt. Wann habt ihr gemerkt, wie sehr die Welt auf euer Album gewartet hat?
Puh, ganz ehrlich, wir hatten eigentlich gar keine riesigen Erwartungen. Einmal ist so ein Release gerade wegen Corona schwer einzuschätzen, weil wir das Album erstmal nicht live bringen können. Auch hat sich der Sound ein Stück verändert. Da waren wir nicht sicher, wie es ankommen wird. Wichtig war vor allem, dass wir selber Bock auf den eigenen Scheiß haben. 

Beim Release von „Purple Me“ gab es dann auch sehr coole Resonanz. Viele Leute haben uns geschrieben, das ging von „yo, richtig gut“ bis „darauf haben wir gewartet“. Rückmeldung kam also viel schriftlich, aber dafür sehr positiv, und darüber freuen wir uns natürlich auch.

Die andere Resonanz kam durch die Preorders, die sind wirklich super gelaufen und haben unsere Erwartungen übertroffen. So viele Leute, die sich mega darauf freuen, die Platte zu hören. Dass das, wovon wir selber überzeugt sind, gut abkommt, freut uns total. Sogar im 21. Jahrhundert mit all seinen medialen Möglichkeiten ist es noch so unglaublich schwer, Menschen zu erreichen, die potenziell Bock haben könnten. 

 

Apropos: Was sagst du jemandem, der heute behauptet, ein Album sei unzeitgemäß?
Ich persönlich bin immer noch ein Fan von dem Format Album. Wir sind vielleicht altbacken, weil wir an etwas festhalten, was wir selber mögen, anstatt jetzt plötzlich alles nur noch in Singles rauszubringen, weil man das heute vielleicht so macht. An manchen anderen Künstlern, die weitaus größer sind oder auch aus anderen Genres wie zum Beispiel dem Hiphop kommen, kann man es ja oft beobachten, dass teils gar keine Alben mehr releast werden. 

Wir haben natürlich auch überlegt: Wie lang darf eine Platte werden? Hören Leute das noch? Dann habe ich mal nachgeguckt, welche Laufzeiten so Sachen wie Pink Floyd haben, die ich geil finde. Da stellt man schnell fest, dass ein Album auch ruhig lang sein kann. Im Prinzip hat das also auch mal funktioniert. Traurig natürlich, dass die Aufmerksamkeitsspanne durch die große Auswahl heute echt gering geworden ist. Bei unserer ersten Single „Purple Me“ haben wir das Experiment gewagt, erstmal mit einem Erzähler ins Video einzusteigen, was ja super untypisch ist, und dann kommt auch erst langsam dieser Raum angeflogen. Das dauert einigen wohl schon zu lange. Und tatsächlich konnten die vom Label in den Statistiken dann sehen, dass ein Teil der Leute schon nach wenigen Sekunden wegklickt, wenn sie nicht sofort gecatcht werden. Schade, aber andererseits versuchen wir auch, darauf zu scheißen und uns nicht anzupassen.

Und schließlich ist so eine Platte dann auch noch ein physisches Erlebnis, das man nicht ersetzen kann. So ein Ding wirklich in der Hand zu haben, statt zu sagen, das gibt’s ja auch bei Spotify – das hat auch etwas mit Wertschätzung zu tun.

 

Dann mal unter uns, wie lang wird „Street Heat“ denn sein?
Ganz genau weiß ich das gar nicht, aber es dürften so 30 bis 35 Minuten sein. Damit bewegen wir uns noch in einem vernünftigen Rahmen, glaube ich. Wir haben erst überlegt, wirklich das ganze Material mit drauf zu nehmen, aber dann haben wir doch aussortiert. Letztendlich ist es für ein Hardcore-Album vielleicht immer noch relativ lang, aber wir sind eben öfter mal sehr verspielt und ziehen manchen Part gerne in die Länge, wenn er fett ist.

 

Wenn man versucht, euren Sound einzuordnen, werden dabei häufig Vergleiche zu Bands wie Beastie Boys, Suicidal Tendencies, Alice In Chains oder auch Primus gezogen. Auffallend viele Bands, deren Primetimes schon Jahrzehnte zurückliegen… 
Stimmt: Slope ist sicherlich ein Crossover-Mix, dessen Roots sich Ende der 80er, Anfang der 90er verankern lassen. 

Fabio, Simon und ich kennen uns, seit wir 6 waren. Wir sind in der gleichen Siedlung aufgewachsen und haben eigentlich alles zusammen gemacht, also auch viel die gleiche Musik gehört. Alice In Chains ist tatsächlich bis heute einer unserer Favourites, ebenso Primus, alte Alben der Red Hot Chili Peppers oder 24/7 Spyz. Das haben wir alles zusammen durchforstet, weil es uns total angesprochen hat. Natürlich bringt trotzdem jeder sein eigenes Ding und seine eigenen Vorlieben mit. 

Fabio ist übelster Rap- und Hiphop-Fan, US wie Deutsch. Paddie ist unser Metal-Head, der bringt von der härteren Schiene sein Ding mit rein, und Flow hat einen sehr breiten und offenen Geschmack. Der hat ein verdammt gutes, universelles Gefühl für Musik aus verschiedenen Richtungen.

Der Vergleich mit den Beastie Boys freut mich immer sehr, weil es einfach eine Ehre ist. Das fällt bestimmt zu großen Teilen auf den Gesang von Fabio und Simon zurück.

Etwas Neues zu schaffen ist eben immer super schwierig. Slope ist eine Mixtur, die neu wirkt, aber im Endeffekt eben die Mixtur dessen, was wir aufgesaugt haben.

“Schade, Aber andererseits versuchen wir auch, darauf zu scheissen und uns nicht anzupassen.”

Wie sich ja herausgestellt hat, wart ihr damit sogar eurer Zeit voraus. Die Bezüge auf die 80er/90er, die bei euch schon seit der Debut-EP funktionieren, trenden in der Breite des Hardcore gerade massiv, wenn man mal an Higher Power, Gouge Away, Absence of Mine oder natürlich Turnstile denkt. Woher kommt diese Retro-Romantik? 
Ich glaube, im Vordergrund steht da vor allem ein gewisses Gefühl. Rein sachlich hat es garantiert auch etwas mit ähnlichen musikalischen Vorbildern zu tun, die gerade in eine bestimmte Ära fallen. Bei Slope haben wir diesen Style lieben gelernt. Und wir finden, dass es sich einfach geiler anhört. Irgendwie verfolgen wir auch eine analoge, weniger aufgeregte Ästhetik. Wir alle sind doch ständig von der Hektik des Alltags gestresst und wollen entschleunigen, das ist ja auch Thema in unseren Songs, etwa in „I‘m Fine“ oder „9/5“. Das Musizieren stellt da eine gute Befreiung von dieser Hektik dar.

Die Musik von damals wirkt manchmal irgendwie so, als steckte da mehr Liebe und Bedacht drin. Das kann natürlich nicht pauschalisieren, auch heute gibt es unglaublich viele geile Sachen, die sich auch komplett neu anfühlen. Egal in welchem Genre.

Am Ende läuft es wohl darauf hinaus, dass das bei Slope eine Frage dieses gewissen Gefühls ist.

 

Ihr habt ein Making-Of auf Youtube, das den Entstehungsprozess des „Purple Me“-Videos zeigt. Man sieht, dass ihr Vieles selbst macht. Welche Skills habt ihr innerhalb der Band noch so auf Lager?
Ja, wir versuchen tatsächlich, das meiste selber zu schaffen. Was Merch betrifft, das macht Paddy, unser Drummer. Wenn wir was Neues brauchen, fragen wir zuerst ihn, ob er eine Idee hat. Der beschäftigt sich da gerne mit und malt dann etwas am iPad. Unser aktuelles Logo hat er auch designt.

Wenn es um Videos geht, sitzen da meist Simon und ich hinter. Die Skripts für „I‘m Fine“ und „Purple Me“ waren von uns. Toni von BDHW, unserem Label, setzt das Ganze dann visuell um, also dreht und cuttet, ergänzt noch die ein oder andere Idee, und allgemein ist er für den Feinschliff zuständig. Das war damals bei „9/5“ und „Goodbye Mr. Dandy“ auch schon so. Die Kulisse, die im Video von „Goodbye Mr. Dandy“ zu sehen ist, haben wir bei Simons Eltern im Garten gebaut. Für „9/5“ habe ich mit einer GoPro sogar noch selber gefilmt und mit einem Bekannten drei Tage lang geschnitten.

 

Neben Kreativität und Handwerk ist in dem Making-Of vor allem euer Team-Spirit beeindruckend: jeder packt mit an, und vor allem ist jeder im Bilde darüber, was da gerade entsteht. Wie schafft ihr es, eine gemeinsame Vision zu entwerfen?
Das hat viel mit Vertrauen zu tun. Simon und ich haben das Vertrauen der Band, also können wir sowas wie den Videodreh still und heimlich vorbereitet. Die Rollenverteilung wird so auch von allen akzeptiert. Später bringt jeder noch Ideen mit ein, Simon und ich sind ja manchmal auch ratlos, im Prozess selbst werden also alle irgendwie einbezogen. Dann gibt es also ein Skript, das wird rumgeschickt und mit Toni besprochen, alle kommen zum Dreh und fragen, yo, was soll ich machen, und los geht’s.

Im Fall von „Purple Me“ hieß das, dass wir das Video-Zimmer in meiner alten WG gebaut haben. Also Sachen aus dem Baumarkt geholt, alles hochgetragen und viel geschraubt, Requisiten besorgt. Einen 7 Meter langen und 3 Meter hohen Flur haben wir auch noch gezimmert. Macht Spaß. Besonders, wenn dann alle etwas zu der Sache beitragen.

 

Funktioniert das bei eurem Songwriting auch so?
Das gestaltet sich manchmal schwierig. Das Ding ist: bei uns funktioniert Songwriting so, dass wir tatsächlich alle zusammen an einem Song arbeiten. Klar bringt manchmal einer eine Idee mit, aber geschrieben werden Songs immer zu fünft. Und alle bringen ihren eigenen Dickkopf mit ein und die verschiedenen Einflüsse, von denen wir eben gesprochen haben.

Es kommt dann vor, dass wir manchmal zwei Wochen lang an einem verdammten Übergang feilen. Aber es hat bisher immer funktioniert, weil es am Ende irgendwie zusammenpasst. Inzwischen kennen wir ja auch unseren roten Faden, das hat alles seinen Fluss. Ich finde es cool, so zu arbeiten. Kommt anscheinend selten vor, denn meist hört man sowas wie: Jo nee, einer muss vorschreiben, einer schreibt alleine, diese Richtung. Kann ja auch funktionieren, aber da steckt dann nicht die Seele von allen Bandmitgliedern drin. 

“Macht Spaß. Besonders, Wenn dann alle etwas zu der Sache beitragen.”

Euer Album kommt also am 12. März, das ist jetzt noch eine Weile hin. Um die Wartezeit zu überbrücken: Hau mal ein paar Anspieltipps raus!
Ich kann da eigentlich immer nur die gleichen Sachen empfehlen. Wenn man Primus nicht kennt, sollte man sich „Antipop“ reinziehen, ein durchweg geiles Album! Dann alte Alben der Peppers. Abgesehen von „Blood Sugar Sex Magik“, das einfach eine großartige Platte ist, bin ich großer Fan vom ehemaligen Gitarristen Hillel Slovak, der seinerseits schon das Vorbild für John Frusciante war. „The Uplift Mo Fo Party Plan“ ist daher meine Lieblingsplatte der Peppers, weil da auch noch der originale Peppers-Spirit zu hören ist.

Aber mein absoluter Geheimtipp: Lucy Brown. Funk-Metal mit souligem Gesang. Gibt es schon seit Anfang der 90er nicht mehr. Geile Story von damals: Ich hab das Simon geschickt, der hat direkt in Duisburg im Red Rose Records Laden angerufen, die haben im PC nachgesehen, yo, in England liegen noch verpackte CDs. Hat er also bestellt, obwohl ihn das bestimmt 30, 40 Euro gekostet hat. Simon danach so: Alter, ich hab ne Überraschung. Ich hab Lucy Brown bestellt. Und dann haben wir uns auf einem Parkplatz in der Siedlung getroffen und uns zu dritt in meinen kleinen Aygo gesetzt, Türen auf, Scheibe eingeworfen und von vorne bis hinten durchgehört. Ohne Playsi, ohne Youtube. Einfach so hart gefeiert, diese blöde CD in der Hand zu haben und sie uns reinballern zu können. Das war ein geiler Moment und für mich ein besonderer Fund. 

Wir haben übrigens bei Spotify auch von jedem von uns eine Playlist, da gibt es nochmal den ganz genauen Einblick in die verschiedenen Einflüsse von Slope. 

 

Lass uns auch noch über die Zeit nach dem Release reden. Irgendwann gibt es ja hoffentlich wieder Live-Musik… 
Jau. Nach der Corona-Zeit wollen wir live natürlich genauso überzeugen, weil man auf Platte ja alles Mögliche produzieren kann. Aber live muss man es einfach bringen. Ich finde es immer schade, wenn man live etwas nur ok findet, was man auf Platte gefeiert hat. Man hat auf der Bühne noch Gesichter und sieht die Leute, die es gemacht haben. Da kommt es also drauf an, die Energie auf den Punkt zu bringen.

Ich übe aktuell so zweimal die Woche für mehrere Stunden mit Paddy, unserem Drummer. Typischerweise proben wir ohne Lockdown zwei- bis dreimal pro Woche für 2 bis 3 Stunden, davon könnten wir jetzt natürlich nicht weiter entfernt sein.

Theoretisch könnte Summerbreeze 2021 noch mit uns stattfinden, da hätten wir letztes Jahr schon spielen sollen. Das ist für uns eine riesige Sache. Als wir das erfahren haben, sind wir alle in der WG auf der Couch rumgesprungen.

Aber einfach zocken, das würde uns fürs Erste schon reichen.

Ein schönes Schlusswort, dem wir uns alle gerne anschließen. Vielen Dank für das Gespräch!

Video zur Single "Trainsurfing"

YouTube

Mit dem Laden des Videos akzeptieren Sie die Datenschutzerklärung von YouTube.
Mehr erfahren

Video laden