Genrecocktail mit Geschmack – oder: Wenn Vielfalt endlich Trademark wird

Circus Rhapsody haben am Freitag, den 4.6.21, ihr drittes Studioalbum „Just Kidding“ veröffentlicht – und das macht dem Namen alle Ehre: ein kunterbunter Genremix aus Ska-, Skate, Folk- und Horror-Punk, der einer Zirkusfreakshow gleicht und trotz der Vielfalt einen roten Faden im Sound aufweisen kann.

Gastbeitrag: Torben Zimmermann

Circus Rhapsody haben am Freitag, den 4.6.21, ihr drittes Studioalbum „Just Kidding“ veröffentlicht – und das macht dem Namen alle Ehre: ein kunterbunter Genremix aus Ska-, Skate, Folk- und Horror-Punk, der einer Zirkusfreakshow gleicht und trotz der Vielfalt einen roten Faden im Sound aufweisen kann. Warum unser Gastautor Torben genau darauf lange gewartet hat, erklärt er in seiner persönlichen Review, in der er die ganze Platte einem Stilcheck unterzieht. 

Das erste Mal kam ich im November 2012 mit CR in Berührung. Zwei Tage nach Halloween war das große Finale meiner „Schocktober-Konzert-Tour“: Wednesday13 in der fast ausverkauften Bochumer Matrix. Im Vorprogramm spielte eine kleine Band, die nicht mal Erwähnung auf der Konzertkarte fand und deren Namen ich erst erfuhr, als sie sich selber auf der Bühne vorstellten: „Hallo liebe Freunde, wir sind Circus Rhapsody!” Eine völlig überraschende Kombi, wie nicht nur ich fand. Viele der bleichgeschminkten Goth- und Horrorfans konnten anfangs mit dem recht fröhlichen Sound und dem wilden Stilmix der Berliner Clowns nichts anfangen. Schon nach dem ersten Song hagelte es Buh-Rufe von den kleinen Gothic-Fans neben mir, die einzig und allein für ihren Crush Wednesday gekommen waren. Nach den ersten beiden Liedern war ich allerdings völlig überzeugt und am Ende auch noch sehr überrascht, wie viel die Band von dem untoten Publikum doch noch zum Tanzen brachte. Nach einem netten Gespräch am Merchstand (einzige Merchandise war zu diesem Zeitpunkt eine Sprühschablone, mit der sie mitgebrachte Shirts und Jacken besprühen konnten) und einem kompletten Jahr voller nerviger Anfragen meinerseits, wann denn endlich ihr Album erscheinen würde, wurden sie 2013 als Überraschungsact für mich auf mein Geburtstagskonzert eingeladen, wo ich dann auch endlich die langersehnte CD überreicht bekam. Seitdem kommt uns der Zirkus auf jeder seiner Touren im Paderborner(um)land besuchen. Wenn unser aller Begleiter Corona es zulässt, werden sie auch diesen Herbst endlich wieder ausgedehnt touren und dann auch bei uns wieder Halt machen – mit dabei ihre neue Platte, die ich für diesen kleinen Gastbeitrag schonmal Probehören durfte. 

“Circus Rhapsody spielen eine wilde Mischung aus 50iger Jahre Rock´n´Roll, Melodic-Skatepunk, Country, Ska und Folkpunk.”

Und darum soll es nun gehen. Circus Rhapsody spielen eine wilde Mischung aus 50iger Jahre Rock’n’Roll, Melodic-Skatepunk, Country, Ska und Folkpunk. Diese Genreauflistung ist zwar ungern gesehen, aber unumgänglich, wenn man die Musik beschreiben möchte, da jeder Song von einem anderen Stil geprägt ist. Das muss nicht immer gut sein und kann durchaus große Nachteile für eine Band haben, da es im vielfältigen Genremix echt schwer sein kann, seinen eigenen Stil zu finden. Und nur weil man alles spielen kann, heißt das nicht, dass man auch alles spielen muss. Und da sind wir auch schon bei dem riesigen Pluspunkt von JUST KIDDING: Auf ihrem dritten Album schaffen Circus Rhapsody es endlich, einen perfekten Querschnitt des Rocks zu präsentieren, ohne dabei den roten Faden zu verlieren. Im Vergleich zu den vorherigen Veröffentlichungen hört man hier den eigenen Sound deutlich stärker heraus. So beginnt das Album mit einer ungewöhnlichen Wahl. Mit CIRCUS liefert der erste Track nämlich sofort auch das erste von mehreren Featurings der Platte. Zu der schnellen Melodic-Core Musik bekommt Frontsänger und Basser Michi Unterstützung vom niederländischen Skatepunker Willem, der sonst bei den ANTILLECTUALS singt. Das bringt eine subtile Härte mit in die Vocals, die aber super zum sonst eher poppigen Hauptgesang passt. Mit INVADER ZIM kommt es aber auch direkt wieder zum Genrewechsel. Der Ska-Song wartet nicht nur mit Blasinstrumenten auf, auch ein Akkordeon kommt, wie bei früheren Stücken auch schon, zum Einsatz. Nach so viel guter Laune gibts dann erstmal eine kleine Stimmungsbremse. Australians Nightmare beginnt ruhig mit Akustikgitarre, Geige und der rauen Stimme von Schlagzeuger Erik, entpuppt sich spätestens im Refrain aber auch als absoluter Stimmungshit, der in jedem Irishpup zu später Stunde für gehobene Gläser sorgen wird. Fast schon simpel wirkt der Folgesong Captain, der ohne größere Spielerein daherkommt, dafür aber mit einem eingängigen Refrain sofort im Ohr hängen bleibt. Gastgitarre wird hier von Guido von den Donots gespielt. Circus Rhapsody haben ihre Wurzeln eigentlich im Horrorpunkgenre. Auch wenn sie die Klischees der Szene nie groß verwendet haben, kann der Kenner hier im Refrain doch die szenetypischen Oho-ohos hören. Was der Zirkus für Unterhaltungsqualitäten hat, beweist er ausdrücklich mit EVIL. Das komplette Lied ist vollgestopft mit freaky Geräuschen, dreistimmigem Gesang, harten Gitarrenriffs in der Brigde und einem liebevollen LALALA-Part von Violistin KT. Absolute Freakshow. Zu Rock’n’Roll Blackcat zieht man sich besser sofort eine Lederjacke an, schmiert sich Haarwichse in die Tolle, packt sich sein Springmesser und fährt zum Diner, eine Runde abhängen. 

“Durch eine druckvolle Produktion und ausgewogenen Lautstärken wirken die Aufnahmen organisch und kein Element sticht negativ hervor.”

Darauf folgt ein kleines Highlight, was nochmals die Wurzeln von Circus Rhapsody unterstreicht und somit jedem Horrorpunker ein Grinsen ins Gesicht zaubern wird: Im Song All Hell breaks Loose steuert nämlich DR. CHUD, seines Zeichens Trommler der 90iger Version der Horrorpunks #1, Misfits, den Backroundgesang in bester American-Psycho-Manier bei. “Whooohooohooo-Go!” inklusive. Mit Avenging Angel wird nochmal ein bisschen Surfrock mit in die eh schon vollgepackte Schubladensammlung geschmissen. Violisten KT singt hier zu dem schönen Duett mit Basser Michi auch die zweite Strophe allein. Wie abwechslungsreich dieses Album ist, unterstreicht Rise Above abermals. In bester Motorhead-Manier prügelt sich der Circus voran. Schlagzeuger Erik übernimmt den Hauptgesang und wird subtil von KT im Backround unterstützt. Super Mischung. Lemmy würde seinen Whiskeycola sicherlich zum Gruße heben! Revolutions geistert schon länger als Liveversion im Netz rum. Fürs Album wurde die schwedische Piraten Band Ye Banished Privateers mit ins Boot geholt. Zusammen wird ein irres Polkalied gespielt, welches zusätzlich zu allen Elementen des Folkrocks auch noch teilweise auf Russisch gesungen wird. Ganz großes Tennis. Etwas ernster wirkt dann nochmal Revelations, was zur Abwechslung dann wieder vom Trommler Erik mit rauer Stimme gesungen wird. Das Stück fadet besonders schön aus, was eigentlich ein sehr schönes Ende der Platte ergeben hätte. Als Zugabe gibt es aber dann nochmal Erik und KT im Duett in Ghost zu hören. Etwas ruhiger und entspannter als der Rest des Albums, aber auch mit so viel Melodie, dass der Song doch irgendwie nicht fehlen darf. Mit 36:37 Minuten hat Just Kidding eine perfekte Spielzeit und weist zu keiner Zeit Längen oder Langeweile auf. 13 Songs, keiner wie der andere und trotzdem, wie oben schon erwähnt, ein klarer eigener Stil. Durch eine druckvolle Produktion und ausgewogenen Lautstärken wirken die Aufnahmen organisch und kein Element sticht negativ hervor. Alles ist gut zu verstehen und an den richtigen Stellen laut oder leise gedreht, damit jedes Versatzstück harmonisch wirken kann. 

Da freut man sich umso mehr, wenn bald die Konzerte wieder los gehen und der Zirkus uns besuchen kommt. Aktuell ist eine Show für Mitte Oktober im KUBA (Warburg/Welda) geplant.

Bewertung

8/10