SLOPE - Street Heat (2021)

Wie ein einziges Superhirn, an das Gitarre, Bass, Schlagzeug und zwei Stimmapparate angeschlossen sind, fliegen SLOPE durch wilde, geradezu jazzige Songstrukturen. Und dieses Hirn ist verrückt genug, um in Millisekunden zu entscheiden, worauf es als nächstes Bock hat.

Text: Nico

Irgendwie hat es sich eingebürgert, erstmal eine möglichst lange Liste von musikalischen Vorbildern aufzusagen, wenn man über SLOPE sprechen möchte. Es fallen dann Namen von Bands mit sehr bunten Logos, die als Crossover oder Funk-Metal in den frühen 90ern über MTV flimmerten, die meisten davon längst vergessen oder zumindest seit Jahrzehnten nicht mehr cool. Das führt schnell zu Missverständnissen, denn: SLOPE sind sowas von cool.

Bei der Suche nach passenden Schubladen unterschlägt man nämlich schnell, dass die fünf Jungs aus Duisburg ihre musikalischen Wurzeln durch die Jahrzehnte gezerrt und zu einem ganz eigenen Sound verknotet haben, den man unter tausenden erkennen würde. Und der moderner kaum sein könnte. Denn wenn diese Band den Funk oder den Crossover heraufbeschwört, weckt sie Erwartungen nur, um sie wieder zu durchkreuzen – und zwar mit Arschtritt-Hardcore, der die Kernkompetenz von SLOPE ist.

Wie ein einziges Superhirn, an das Gitarre, Bass, Schlagzeug und zwei Stimmapparate angeschlossen sind, fliegen SLOPE dabei durch wilde, geradezu jazzige Songstrukturen. Und dieses Hirn ist verrückt genug, um in Millisekunden zu entscheiden, worauf es als nächstes Bock hat.

Im siebten SLOPE-Jahr passiert das also endlich auf Albumlänge. Das Werk heißt „Street Heat“, erscheint auf BDHW und ist mit Sicherheit eine der heißesten HC-Platten des Jahres.

Weil in manchem SLOPE-Song aber mehr passiert, als andere Bands in ihrer gesamten Diskografie auffahren, stellt sich nur die große Frage: Gelingt es der Band, die Erfolgsformel ihrer beiden EPs für die Laufzeit eines Albums abzuleiten?

Antwort vorweg: Auf 35 Minuten funktioniert SLOPE sogar noch besser als je zuvor.

“Die große Frage: Gelingt es der Band, die Erfolgsformel ihrer beiden Ep´s für die Laufzeit eines Albums abzuleiten?”

Natürlich bleibt auch „Street Heat“ in der Tradition des Sounds, der sich auf den EPs etabliert hat. Die Retro-Elemente bilden zusammen mit hart und sehr präzise gespieltem Mosh ein mächtiges Arsenal, aus dem SLOPE immer im richtigen Moment die richtigen Waffen zückt. Bei den zahlreichen Taktwechseln kann man nie sicher sein, wann und wie dieses Guerilla-Album seinen nächsten Angriff startet. Das mag eine hinterhältige Taktik für ein Publikum sein, das sich gerne auf gewohnte Songstrukturen verlässt – SLOPE lässt das aber auf so charmante Weise geschehen, dass man nach jedem Punch auch gerne die andere Wange hinhält. „Street Heat“ ist oft ein wütendes Album, ja, aber an keiner Stelle bösartig. 

Im Gegenteil: Die harten Passagen werden immer wieder mit guter Laune und Verspieltheit kontrastiert. So beginnt etwa „I’m Fine“ mit einem Rap-Part, der an einen spöttischen Kinderreim erinnert, und hält auch im weiteren Verlauf noch Momente bereit, die man beinahe komödiantisch nennen kann. So werden sich in „High Level“ Disco-Singsang und ein Gitarrensolo gegönnt, auf das ZZ Top stolz gewesen wäre. Für den Finisher „Wag The Dog“ reist die psychedelische Gitarre sogar noch weitere Jahrzehnte in die Vergangenheit.  

Erwähnenswert ist dabei mit „Fluid“ eins von zwei (drei, wenn man das Intro mitzählt) Instrumentals auf „Street Heat“. „Fluid“ ist der ruhigste Teil des Albums, aber ein hidden gem, der mit seiner plötzlich mysteriösen, unterschwellig gefährlich dudelnden Gitarre an nichts geringeres als fucking „Twin Peaks“ erinnert. Der Vergleich funktioniert, ob gewollt oder nicht: 

Ähnlich wie David Lynch spielt auch SLOPE immer wieder mit gewohnten Mustern, manchmal ganz bewusst bis an die Grenze zur Cheesyness, um dann aber doch den unerwarteten und ganz eigenen Weg einzuschlagen, im Falle von „Fluid“ durch die plötzlich messerscharfen Drums. Und ebenfalls ähnlich wie David Lynch erinnert auch SLOPE hier wieder daran, dass an diesem Werk nichts gewiss ist. 

“Street Heat” ist häufig aufdringlich, intensiv, invasiv – als wüsste es nicht, wohin mit seiner ganzen Power. 

Ohnehin ist es beeindruckend, wie geschickt SLOPE aus genau dieser Unberechenbarkeit ein Album baut, dessen innerer Zusammenhalt an keiner Stelle verloren geht. In erster Linie liegt das daran, dass die Band ihrer Platte ein perfektes Pacing verpasst hat, wodurch das Ganze entzerrt und aufgeräumt wirkt. SLOPE scheuen sich nicht, die geilsten Passagen auch in wirklich großzügigen Portionen zu servieren, um sie so lange auszukosten, bis wieder Appetit auf die nächste verrückte Idee da ist. Da kann dann so ein „Purple Me“-Breakdown auch mal 90 Sekunden lang sein, bevor „Trainsurfing“ wieder mit nervöser Gitarre und den zwei aufgekratzt Zickzack laufenden Stimmen losballert.

Die Sänger Simon und Fabio erlauben sich übrigens auch melodiösen Gesang, fahren aber meist gekonnten Rap auf, der durch das Wechselspiel der beiden nicht an Witz und Spannung geizt. Die Vocals rücken einem auf die Pelle und kleben in manchen Momenten durch gezielt eingesetzte Übersteuerung direkt im Ohr. „Street Heat“ ist häufig aufdringlich, intensiv, invasiv – als wüsste es nicht, wohin mit seiner ganzen Power.

Und doch sind die 35 Minuten Laufzeit so ausgewogen, dass dieses Feuerwerk nicht lästig wird. SLOPE reduziert die Intensität, wenn es nötig ist, und schafft Beiwerk zur Seite, um dem Geschehen stets große Klarheit zu geben. Erst dadurch wird aus einer Ansammlung starker Songs auch ein großartiges Album.   

„Street Heat“ ist voll mit aufregendem Spaß, der viel Raum zum Abfeiern lässt. Was fresh wie eine spontane Jam-Session klingt, ist in der Gesamtbetrachtung eine sehr durchdachte und gut gereifte Platte, die vor allem hervorragend ausbalanciert ist. 

Ein schlauer französischer Dichter hat mal gesagt, dass Perfektion nicht dann erreicht sei, wenn sich nichts mehr hinzufügen ließe, sondern dann, wenn man nichts mehr weglassen könne. „Street Heat“ ist in beiden Richtungen on point. 

Bewertung

 10/10