Kunst besteht nicht aus zwei Farben

Unser Autor Hippe trifft den Paderborner Elektro-Künstler und Sputnik-Betreiber Adda Schade im Interview

Text: Hippe

Das Fenster des Videochats öffnet sich, ich sehe einen gut aufgelegten Adda Schade, der in die warmen Farben seiner Wohnung getaucht ist. Die Erinnerung an das Sputnik, an Kneipenkultur und an gute Gespräche überkommt mich so überraschend heftig, dass ich mir ein Bier öffnen muss – noch bevor das Gespräch eigentlich beginnt. Und Überraschung: Adda hat auch schon eins offen, wir prosten gegen unsere Kameras – Herforder klirrt an ein bayrisches Helles. Vielfalt im Bier, Vielfalt in der Musik. Adda ist ein musikalisches Chamäleon, immer auf der Suche nach spannenden Klängen, neuen Strömungen und den dazu passenden Locations. Der Urpaderborner denkt in Gesamtzusammenhängen und setzt sich selbst dabei keine Grenzen. Nur logisch, dass sein eigenes Label den Namen „Different Trains“ trägt. Das folgende Gespräch, das über eine Stunde dauern wird, folgt dementsprechend nur selten einem roten Faden, die Themen oszillieren zwischen Werkschau, Werdegang und Zukunftsplänen – und der für mich wichtigen Frage, warum Adda Tocotronic nicht ab kann. 

 

Adda, euer Sputnik hat zurzeit ja leider geschlossen. Wie nutzt du die freigewordenen Kapazitäten?

Ich bin produktiv, aber nicht hochproduktiv. Zuletzt habe ich Remixe für den finnischen Künstler Desert Monolith gemacht, den ich auch auf meinem Label vertreibe. Außerdem habe ich mir vorgenommen, in diesem Jahr jeden Monat eine EP rauszubringen. Nachdem zuletzt „Feb Cuts“ erschienen ist, wird dann „Mrz Cuts“ erscheinen. 

(kramt einen Notizzettel hervor)

So ein paar Dinge habe ich in nächster Zeit vor. Mit Partikel 2 will ich mein Dark Ambient Projekt fortsetzen, mit Sebastian Planken zusammen habe ich das Projekt Samba Sauvage, mit dem ich gerne wieder ein Elektro Beat Album rausbringen will. Außerdem will ich wieder mit dem Gitarristen David Krützkamp arbeiten und das Projekt Monolith 2001 fortsetzen. Das hatte ich schon in den 90ern.

 

Schnell zeigt sich, was Adda unter „nicht hochproduktiv“ versteht. Ich muss fleißig den Bleistift schwingen, um bei den aufgezählten Vorhaben überhaupt mitzukommen. Zunächst frage ich nach Samba Sauvage, weil der beteiligte Sebastian Planken (u.a. Gitarrist der Surfrockband The Gangplanks) ebenfalls ein guter Bekannter ist.

 

Erzähl uns was über deine Kooperation mit Planken. Wie verläuft das Arbeiten an Songs?

Ich würde sagen, dass ich schon die treibende Kraft bin. Wenn ich eine Idee vorangebracht habe, rufe ich ihn oft an und sage, dass er vorbeikommen soll, um etwas auf der Gitarre darüber zu brettern. Es ist total unkompliziert. Er wohnt hier um die Ecke, kommt vorbei und weiß meistens sofort, was er machen soll. Mit ihm muss man nicht proben, er hat schon in so vielen Bands gespielt – der weiß einfach, was zu tun ist. Es herrscht ein blindes Verständnis füreinander.

“Andererseits kann man mit Einfallsreichtum und kreativen Ideen immer noch viel bewegen.”

Das hört sich ja schon sehr zielgerichtet an. Bist du kein Typ für das klassische Jammen?

Ich kann schon Jammen, aber das würde ich eher nicht mit der Gitarre tun. Ich würde dann zu Percussions oder so greifen. Bei Samba Sauvage läuft es aber anders. Wir springen thematisch weiter fröhlich hin und her und landen noch einmal bei Monolith 2001.

Ein zweites Bier verliert in der Zwischenzeit seinen Kronkorken. 

Der alte Monolith war krachig. Einmal standen auf der Franz-Stock-Platz-Bühne 20 Musikerinnen und Musiker, viele aus dem Hardcore und Punkbereich, die von mir dirigiert wurden. Ich zeigte beispielsweise auf den Gitarristen und der spielte so lange ein Solo, bis ich an das Saxophon weitergab. Ich mag es einfach, wenn es ausufert. Wir hatten nur drei Tage geprobt, dann musste es klappen. 

 

Wie hat sich Monolith 2001 verändert?

Naja, stell dir im Vergleich zu dem grade beschriebenen Szenario die Abdinghofkirche vor. Es herrscht eine entspannte Atmosphäre und Planken und ich spielen Eintonmusik – quadrophonisch – Ambient, chillig. Sebastian spielt sogar die Orgel. Das war auch eine besondere Erfahrung an einem besonderen Ort. 

 

Ich versuche mir gerade vorzustellen, du würdest die Anfänge von Monolith 2001 heute in ähnlicher Form auf die Bühne bringen wollen – zum Beispiel beim Frühlingsfest oder einer ähnlichen öffentlichen Veranstaltung. Das fällt mir mit Blick auf Paderborn – ehrlich gesagt – sehr schwer. 

Das mag sein, aber das ist nicht nur ein Problem, das mit Paderborn zu tun hat. Ich mache seit 1986 in dieser Stadt Musik. Angefangen habe ich in der einzigen Avantgarde-Band Paderborns – Ongus Persilflage. Die Leute sind gekommen, um sich das anzusehen, die waren neugierig. Der Underground hatte einen ganz anderen Stellenwert. Läden wie das KuKoZ waren das Zentrum von Punk und allem drumherum. Heute sieht das anders aus. Wir machen im Sputnik beispielsweise kaum noch Konzerte, weil die Leute einfach nicht kommen. Grade die jungen Menschen haben eine ganz andere Ausgehkultur. Zwanzigjährige kommen fast nur ins Sputnik, wenn sie auf Junggesellenabschieden unterwegs sind – und dann wollen sie am besten sofort ihre Wunschmusik hören. Das ist jetzt alles etwas überspitzt, aber man kann da schon einen Wandel beobachten. 

 

Woran liegt das deiner Meinung nach?

Naja, einerseits haben die Angst, dass ihr Vater bei uns an der Theke sitzt (lacht). Im Ernst: Es ist ja kein Geheimnis, dass Musik heute einen anderen Stellenwert hat als früher. Sie ist überall verfügbar, Marketing ist noch viel wichtiger als früher und die Leute geben lieber 150 Euro für ein Metallica-Konzert im Stadion aus, um dann über die sieben Euro Eintritt für das lokale Punkkonzert zu diskutieren, in das aber auch viel Herzblut und Energie geflossen ist. Alles muss heute ein Event sein, sonst verlässt man das Haus erst gar nicht. 

 

Das klingt pessimistisch.

Einerseits ja. Als wir vor zehn Jahren mit dem Sputnik angefangen haben, kamen die Leute zu einem Konzert – wie zum Beispiel zu dem von Spaceman Spiff – einfach so. Da war die Hütte voll, ohne Vorverkauf etc. Das war ja auch die Idee hinter dem Sputnik: Kultur ranbringen. Ich sehe mich bis heute viel mehr als Kulturschaffender und -vermittler und weniger als Kneipenwirt. Man gewöhnt sich etwas an die mangelnde Resonanz, aber ganz spurlos perlt das nicht von einem ab. Wir reagieren dann halt mit weniger Konzerten. 

Andererseits kann man mit Einfallsreichtum und kreativen Ideen immer noch viel bewegen. Im Paderborner Theater sind die Leute bei der Ambient Night regelrecht weggechillt – das hatte ich nicht erwartet – und wenn sich 100 Leute einfinden, um sich meine manchmal auch sperrige Musik in einem beleuchteten Hinterhof anzuhören, ist das immer noch ein gutes Zeichen. 

“Ich finde Kunst cool, die aneckt. Und zum Glück gibt es auch in Paderborn noch genug Menschen, die abseits des Mainstreams denken. 

Vielleicht haben die sich auch nicht getraut zu gehen, weil sie dachten, dass du Kunst betreibst.

Das kann sein, die haben dann gedacht, wie scheiße das ist, wollten sich aber auch nicht die Blöße geben (lacht). Ich suche deswegen auch immer coole Locations – bitte gerne mit Vorschlägen an mich wenden. 

 

Deine Musik ist in ihrer Vielfalt natürlich nicht für jedes Publikum geeignet – es bleibt ja immer noch Undergroundmusik. Mein Kumpel Mölaf hat mal auf die Frage, was heute Abend im Sputnik los sei, gesagt: „Adda legt wieder Geräusche auf.“ Was scherzhaft gemeint war, hat ja einen wahren Kern, da du viel experimentierst: Wo verläuft für dich die Grenze zwischen Klängen und Musik?

Also zunächst mal muss ich klarstellen, dass Melodien mir nichts Unbekanntes sind, und ich höre ja auch Popmusik – die läuft ja auch oft im Sputnik. Aber ich mag eben auch Geräusche, Sounds, Beats – all das. Dabei fällt mir ein, dass es jetzt so eine abgefahrene Reissue von diesen Fox Drums gibt, da juckt es mich ja schon wieder in den Fingern. Aber im Ernst: Ich will mich nicht festlegen, ich will nicht, dass die Leute sagen: „Adda klingt so.“ Kunst besteht nicht aus zwei Farben. Ich finde Kunst cool, die aneckt. Und zum Glück gibt es auch in Paderborn noch genug Menschen, die abseits des Mainstreams denken. 

Wie eingangs erwähnt, springen wir in den Themen wild hin und her und schnell merke ich, dass wir das Gespräch durchaus zwei weitere Stunden führen könnten. Das wiederum weckt erneut den Wunsch in mir, ins Sputnik einzubrechen und die Zapfanlage anzuschmeißen (auch auf die Gefahr hin, dass Simone mich im Spülbecken ertränken wird). Eine abschließende Frage gilt es aber dringend noch zu klären. 

 

Ich erinnere mich an einen Abend, an dem du mir deine Abneigung gegen Tocotronic sehr blumig beschrieben hast. Manche schwören ja auf deren Verbindung von künstlerischen Lyrics und Popmelodien. Wieso magst du die nicht?

Ich muss zugeben, dass ich sie schon sehr lange nicht mehr gehört habe. Vielleicht sind sie in der Zwischenzeit ja besser geworden. Aber im Gegensatz zu Blumfeld, von denen ich später auch die poppigen Sachen gefeiert habe, fand ich Tocotronic immer doof. Und jetzt verrate ich dir noch ein Geheimnis: Ich habe aus meiner Zeit, in der ich im Plattenladen gearbeitet habe, sogar noch die Promo-Maxi „Ich will Teil einer Jugendbewegung sein“. Das hättest du nicht gedacht oder?

Adda alleine

Übrigens

Wer Adda und Simone samt Sputnik in den Corona-Zeiten unterstützen will, sollte mal auf der Bandcamp-Seite von Addas Label Different Trains vorbeischauen und den Soli-Sampler kaufen. Am besten schlagt ihr gleich mehrfach zu und hört euch durch das umfangreiche Werk: