Wecken und geweckt werden – Der Punk und die Stadt

Gastautor Daniel Deppe ist gebürtiger Ostwestfale und hat in Würzburg, Lüneburg und Warschau Politikwissenschaft und Soziologie studiert.

Text: Daniel Deppe

2007 erschien der Film „Wecken und geweckt werden“. Mit Zeitzeugen wie Peter Hein (Fehlfarben), Andy Meurer (Die Toten Hosen) und Harry Rag (S.Y.P.H.) wandert der Film durch drei Jahrzehnte Punkgeschichte in der „Hauptstadt des deutschen Punks“, wie Peter Hein Düsseldorf nennt. (Und wenn Peter Hein das sagt, dann stimmt das auch.) 

Anhand von Fotos und Filmmaterial wird porträtiert, wie der Punk nach Düsseldorf kam, wer zur Szene gehörte und vor allem, welche Bedeutung der Punk für Düsseldorf hatte und bis heute hat. Die Faszination, die die Stadt für mich ausstrahlte, als ich 2006 aus der ostwestfälischen Provinz für ein Jahr in die Landeshauptstadt zog, war eng verbunden mit dem Ratinger Hof, dem AK 47 und den wenigen Orten, in denen der Geist des Punks weiterlebte.

Punk hat in Düsseldorf Musikgeschichte geschrieben. Heute ist er in der Stadt nur noch ein Schatten seiner selbst und ein Fall fürs Museum. Das liegt auch daran, dass er von der kommunalen Verwaltung jahrzehntelang möglichst kleingehalten wurde. Zu laut, zu unbequem, zu schmutzig war er für se. Dabei wurde geflissentlich ignoriert, dass nicht nur die sog. „Hochkultur“ eine Stadt ausmacht, sondern Kultur für alle durch alle Ritzen, Gassen und Rinnen wabert muss, damit eine Stadt lebendig ist. Die Vernachlässigung der Musikszene durch die Stadt setzte sich kürzlich mit dem Weggang von Philipp Maiburg, dem Gründer des Open Source Festivals, fort, der sich enttäuscht zeigte von der Stadtverwaltung, die seinen Ideen für die Kultur in Düsseldorf nicht ausreichend Rückendeckung gegeben habe. Es fehlt an Freiräumen, es fehlt an Unterstützung für die Szene, es fehlt an Vertrauen zwischen Musiker*innen und Verwaltung. 

„Geweckt werden“ ist für das Verhältnis zwischen Musikszene und Stadtentwicklung nicht nur für Düsseldorf ein passendes Stichwort. „Geweckt werden“ müssen auch in Paderborn die Verantwortlichen für die Kulturpolitik der Stadt. Auch in Paderborn wurde in den vergangenen Jahren der Raum für die Musikszene in der Stadt immer enger. Szenelokale mussten schließen, die Zahl der Clubs und Spielstätten, die für Musiker*innen Auftrittsmöglichkeiten bieten, ist, gelinde gesagt, sehr überschaubar.

„Es liegt ein Grauschleier über der Stadt“, singt Peter Hein von den Fehlfarben und könnte damit gut und gerne auch Paderborn meinen. 

Der Stadtverwaltung muss bewusst sein, dass Aufbruch für eine Stadt nur mit einer mutigen Kulturpolitik gelingen kann. Dazu ist es notwendig, dass bei Prozessen der Stadtentwicklung immer auch die Kultur mitgedacht wird. Das bedeutet: Räume für die Kultur und die Musikszene erschließen und sichern. Das bedeutet: Bei Konzepten zur Belebung der Innenstädte Kulturakteur*innen und Musiker*innen mit einzubinden und Ladenflächen, die längere Zeit leer stehen, ganz bewusst auch als offene Räume für Kultur und kulturelle Bildung zu nutzen. Denn an solchen Begegnungsorten hängen konkret Zuzüge und eine sichtbare kulturelle Szene ist ein Argument für junge Familien sich für eine Stadt zu entscheiden.

Punk und Hardcore sind Ausdruck des Kampfs um Freiräume in der Stadt. Punk erobert Räume. Punk erfindet Räume. Punk stellt dabei nicht als erstes die Frage, was das alles für die Stadt bringt. Daher liegt es auf der Hand, dass Punk sich im Kampf für Freiräume nicht der Politik und Verwaltung anbiedern sollte. Punk macht keine Lobbyarbeit. Was Punk allerdings macht, ist laut und sichtbar zu sein in der Stadt. Indem Punk und Hardcore Räume für alle schaffen, wird die Stadt inklusiver und gerechter. Wenn Orte in der Stadt vorhanden sind, in denen Menschen sich begegnen und Vorurteile abgebaut werden können, wenn es in Städten Begegnungsorte gibt, die nicht von Konsum geprägt sind und die Möglichkeiten zum Diskurs bieten, kann man immer davon ausgehen, dass die Musikszene bei der Entwicklung dieser Räume eine tragende Rolle spielte. Das liegt insbesondere daran, dass Musik die zugänglichste Form der Kulturvermittlung ist und dass sich schnell ein Gemeinschaftsgefühl bei den Zuhörenden einstellt.

„Es liegt ein Grauschleier über der Stadt“, singt Peter Hein von den Fehlfarben und könnte damit gut und gerne auch Paderborn meinen. 

„Keine Stadt für Niemand“ ist dafür da, die Vielfältigkeit der Paderborner Punk- und Hardcoreszene sichtbarer zu machen. Es wäre ein guter Schritt, wenn durch die Beiträge auch die Kulturpolitik der Stadt geweckt wird und die Punk- und Hardcoreszene bei der Entwicklung einer vielfältigen und lebenswerten Stadt eingebunden wird. Wenn „Keine Stadt für Niemand“ laut und kantig ist, mache ich mir darüber aber keine Sorgen. Sichert euch den Raum – im Internet und in der Stadt! Ich freue mich, von euch zu lesen!

Daniel Deppe

Übrigens

Daniel arbeitet seit 2020 für die Berliner Senatsverwaltung für Kultur und Europa. Davor war er u.a. für das Kompetenzzentrum Kultur- und Kreativwirtschaft des Bundes und die Initiative Musik als Projektmanager tätig.