Olaf Oben Ohne

Der Paderborner Kultpunkrocker Mölaf trennt sich nach 30 Jahren von seinen Dreadlocks.

Text: Hippe

Wenn Olaf „Mölaf“ Wittek seine Wohnung in einem Plattenbau nahe der Uni verlässt, sind ihm die Blicke der Passanten gewiss. Das Paderborner Punkrock-Urgestein kennt jeder – zumindest „vom Sehen“: knielange Dreadlocks, Tätowierungen bis auf die Finger und den Kopf, blinkende Goldzähne und die markante Brille. Keine Frage – Mölaf gehört zu Paderborn wie der Dom, das billige Bier und Anzeigen wegen Ruhestörung. Doch in Zukunft dürften ihm deutlich weniger nahe und nicht so nahe Bekannte schon aus der Ferne zuwinken. „Ich habe das direkt an meinem ersten Arbeitstag in diesem Jahr zu spüren bekommen“, erklärt Wittek schmunzelnd, „ein Kollege, mit dem ich seit 25 Jahren zusammenarbeite, hat trotz des Wiedersehens nach der Winterpause kein Wort mit mir gewechselt. Erst nach einiger Zeit erkannte er mich plötzlich und fiel aus allen Wolken.“ Der Grund: Mölaf hat die Haare ab. 

30 Jahre lang zierten die Seile aus verfilzten Zotteln sein Haupt und waren der Hingucker in der Fußgängerzone und den Kneipen Paderborns. Der Punkrockgitarrist (u.a. bei Die Duke$ of the Mist, Loomp, Random I am und Bliss tätig) war mit seinem Look fast so etwas wie ein Trendsetter. „Nach und nach tauchten im Laufe der Jahrzehnte immer mehr Dreadlocks auf“, blickt er zurück. Er selbst kam während eines Zivildienstlehrgangs auf dem berühmt-berüchtigten Ith bei Höxter auf den Trichter: „Ich war damals schon ziemlich auf Punk und Heavy Metal und hatte lange Haare. Gleichzeitig hatte ich aber – wie viele andere auch – mit Spliss zu kämpfen.“ Bei seiner Ankunft am Ith kam es dann zu einer Begegnung, die seinen Look für drei Dekaden bestimmen sollte: „Da stand ein Typ – Steini aus Wermelskirchen –, der hatte einen Iro, hinten am Kopf Dreadlocks und eine grünlackierte Lederjacke, auf die superschlecht ‚POLIZEI‘ geschrieben stand“, beschreibt Wittek die Situation, „ich habe ihn dann gefragt, wie man solche Dreadlocks hinbekommt und er hat es mir erklärt.“ Mölafs Glück: An einigen Stellen hatte der Verfilzungsprozess seiner Idee bereits vorgegriffen. „Andere Haarsträhnen musste ich unten erstmal mit Pattex zusammenkleben, dann ging alles fast wie von selbst.“ Und so wuchsen die markanten Locken über drei Jahrzehnte und mussten natürlich auch immer wieder mal gekürzt werden, sonst hätte Unfallgefahr bestanden. 

“Gleichzeitig hatte ich aber – wie viele Andere auch – mit Spliss zu kämpfen”

Nun ist es also vorbei mit der Lockenpracht und stattdessen spiegelt sich die leuchtende Wintersonne auf Olaf Witteks Haupt. Doch wie kam es zu diesem fast schon historischen Entschluss? „Man wird ja nicht jünger“, gibt Mölaf zu, „und einige Dreads drohten schon auszufallen. Während der Coronazeit ist man ja auch ein bisschen ins Grübeln gekommen und so fand ich, dass es jetzt einfach mal an der Zeit war.“ Für das Praktische reiste am zweiten Weihnachtstag extra Olafs jüngere Schwester Wera aus Köln an, die immerhin Frisörin ist. „Ich wollte verhindern, dass sie ihr Handwerk während des Lockdowns verlernt“, scherzt Wittek. Erst habe seine Schwester angesichts der drastischen Entscheidung Hemmungen gehabt, doch nach und nach fielen die Dreads – es wurde sogar ein dekorativer Weihnachtskranz daraus gelegt und bei Facebook als Profilbild eingestellt. 

Dort zeigte sich dann auch die ganze Tragweite der Entscheidung: Binnen weniger Stunden erhielt das erste Bild von Mölaf mit Glatze 203 Reaktionen und 117 Kommentare – Werte, von denen viele Bands bei ihrer digitalen Außendarstellung nur träumen können. Auffällig ist, dass es fast durchweg positive Rückmeldungen gab. Viele Glatzenträger hießen Mölaf in ihren Reihen willkommen. „Einer der ersten war mein alter Freund Thorsten, der mir gleich ein paar Pflegetipps mit auf den Weg gab“, sagt Wittek. Und auch weitere Probleme ergaben sich aus dem neuen Look: „Ich musste mir angesichts der Kälte auf dem Kopf erstmal bei Cortex zwei Mützen bestellt. Natürlich gab es auch die passenden Platten dazu.“ 

Damit die bereits erwähnten Passanten zukünftig nicht geblendet werden und außerdem auch weiterhin einen Grund haben sich umzudrehen, hat Mölaf bereits damit begonnen, sich das Haupt tätowieren zu lassen. „Dort entsteht ein chinesischer Wächterhund“, verrät Wittek seine Pläne und stellt gleichzeitig auch klar, dass er seine aufmerksamkeitserregende Entscheidung nicht bereut: „Ich bin oldschool, ich trauere sowas doch nicht nach.“ 

Wir ziehen die Mütze vor so viel Konsequenz und wünschen Mölaf in der Post-Dreads-Zeit alles Gute. 

Olaf ohne Haare

Übrigens

Wer sich eine Erinnerung an die legendären 30 Jahre sichern möchte, kann das bald tun: Mölaf plant, die 24 abgeschnittenen Dreadlocks für den guten Zweck zu versteigern. Der Gewinn soll an das Kinderhospiz Bethel gehen, für das er mit seiner Band Die Duke$ of the Mist schon mehrere tausend Euro gesammelt hat. Nähere Infos zu der Aktion folgen.